Neuköllner Geschäfte

Kunst in Geschäftsräumen

Über einen Zeitraum von sechs Wochen arbeiteten 5 KünstlerInnen & UnternehmerInnen mit Migrationshintergrund zusammen am künstlerischen Sichtbarmachen von Potentialen und dem Erzählen gemeinsamer Geschichten.  Der Geschäftsraum, das Schaufenster & der Bürgersteig vor den Geschäften in der Karl- Marx- Straße wurde zur temporären Ausstellungs- bzw. Aktionsfläche.
Am 10. & 11. September 2010 öffneten 5 Neuköllner Geschäfte ihre Türen & luden ein, zu entdecken, was es heißt, in Neukölln Geschäfte zu machen.

1 Gespräch mit einem Geschäftsbesitzer
Indre Klimaite nutzt den Laden “Möbel Partner” als Plattform für einen initiierten Dialog zwischen “dem Innen” und “dem Außen”. Der Ladenbesitzer, stellt drinnen Fragen an vorbeilaufende Passanten. Draußen werden die Fragen beantwortet und wiederum Fragen an den Ladenbesitzer gestellt. Gesammelte Fragen und Antworten werden als Dialog inszeniert.
Indre Klimaite (Grafik/ Litauen) & Möbel Partner (Palästina), Karl- Marx- Str.162


2 Coloring the Streets
Das Künstlertrio Dreiecke entwickelte ein überdimensionales Farbenbuch. Das Schaufenster des Miederwarengeschäfts Hochfeld wurde mit weißem Papier überdeckt, eine schwarze Linie reproduziert den realen Raum. Zeichnungen & Kolorierungen, die in einer kollektiven Aktion mit der Geschäftsinhaberin und Kunden gefertigt wurden, ermöglichten den Teilnehmern die tagtägliche Realität, in der die verschiedenen Kulturen zusammen kommen, zu re- interpretieren.
Dreiecke (Multimedia/ Spanien) & Wäsche Hochfeld (Deutschland), Karl- Marx- Str. 104


3 Stars & Helden: zeigt Euer Haar!
Frisuren werden in unserem Kulturkreis als entscheidender Teil der Identität des Menschen wahrgenommen. Sie sind wie Kleidung oder andere Acessoires immer Ausdruck einer angestrebten Identität. KundInnen bei Coffeur Diva-Style wurden von der Illustratorin Salom Beaury eingeladen ihre Köpfe durch illustrierte Frisurenfenster zu stecken und mit unterschiedlichen Identitäten und Klischees zu spielen. So entstand eine zwanglose Atmosphäre der Diskussion und Auseinandersetzung dem eigenen Rollenverständnis. Im Gespräch zwischen Friseurin und Künstlerin wurden Techniken und Hintergründe der entsprechenden Frisur festgehalten und darüber hinaus entstand ein interkultureller Austausch zwischen Lebensentwürfen und der Liebe zum Handwerk.

Salom Beaury (Illustration/ International) & Coiffeur Diva Style (Türkei) , Karl- Marx- Str. 158

mehr Frisuren sind hier zu sehen: http://www.flickr.com/photos/salombeaury/sets/72157625022986838/

4 Schau mir in die Augen, Kleines!
Die Künstlerin Dovrat Meron arbeitete mit dem Unterwäscheladen „Jasmin Shop“. Dovrat fotografierte die Augen von Angestellten und KundInnen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und befragte diese zu Körper & Intimität. Die Augen wurden als Installation auf einer Schaufensterpuppe gezeigt. In einer Performance lud sie Passanten ein, sich ein Augenpaar auszusuchen und erzählte ihnen über die Person, zu der die Augen gehören.
Dovrat Meron (Performance/ Israel) & Jasmin Shop (Palästina), Karl- Marx- Str. 171


5 An die Freude_Teil 2
Der Ausgangspunkt der Performance war das Gedicht von Schiller “An die Freude” & die Bewegung des Sturm & Drang. Diese bezieht sich auf die Zeit der deutschen Aufklärung & symbolisierte eine Zeit in der die Menschen von universeller Brüderschaft & Freiheit träumten. Dennoch gibt es Spannungen zwischen dem großzügigen Traum & den sprachlichen Schwierigkeiten der Immigranten. Diese sind Symbol & Kondition eines jedes Einwanderers. In einer Lesung der besonderen Art wurden sprachliche Besonderheiten deutlich & von den verschiedenen Kulturen der Gäste des Imbiss hergeleitet. Dieser wurde für einen kurzen Moment in ein Szenario der Poesie des Sturm & Drang verwandelt.
Etienne Rey (Performance/ Frankreich) & Erdem Kilic Imbiss (Türkei), Karl- Marx- Platz

Die KünstlerInnen

Indre Klimaite wurde 1979 in Litauen geboren. Sie arbeitet seit 2001 als unabhängige Graphikdesignerin. 2003 erhält sie ihren Master in Typographie & Medien in den Niederlanden. In ihren Arbeiten experimentiert sie mit Typographien und entwirft besondere Schriften und Typen für im Grunde alles, was sie tut.

Die Werke des Kollektivs Dreiecke (Rubén González, Elena García und Marina Escorial) sind eng verbunden mit konkreten Örtlichkeiten, wodurch neue Verbindungen zwischen dem realen Raum und seiner Repräsentation entstehen. Dieser Leitidee ordnen sie unterschiedlichen Medien, darunter Fotografie, Video und Wandmalerei unter.

Salom Beaury ist Illustratorin und Künstlerin mit vielfältigem sozialen Hintergrund. Seit 2005 lebt sie im globalen Dorf Neukölln. Sie erforscht die aus verschiedenen Kulturen und Religionen stammenden Elemente von Identität und erprobt die Darstellung persönlicher Zeitgeschichte im großen weltgeschichtlichen Kontext. Seit 2009 arbeitet sie an einer autobiografischen Graphic Novel.

Dovrat ana Meron wurde 1972 in Israel geboren und lebt derzeit in Berlin. Dovrat ist unabhängige Performance- Künstlerin und Kuratorin. Die Künstlerin arbeitet an interdisziplinären Projekten und interkulturellen Veranstaltungen. Derzeit macht sie ihren Master an der Kunsthochschule Weißensee, Berlin. Dovrat performt und unterrichtet international.

Etienne Rey wurde 1979 in Strasbourg, Frankreich geboren. Er studierte an der Villa Arson in Nizza und erhielt 2009 seinen Master in Fine Arts.

Hintergrund der Neuköllner Geschäfte In der Karl- Marx Straße existieren türkische Brautmodeläden, neben asiatischen Supermärkten, ägyptischen Wasserpfeifenläden, tunesischem Tele- Internet, Afroshop und indischem Bekleidungsgeschäft. Das äussere Erscheinungsbild der Geschäfte lässt meist auf ein ethnisches Unternehmertum schliessen; unterschiedliche Sprachen und Schriftzüge, Flaggen aus den Heimatländern, Fassaden in Landesfarben und eine variierende Produktpalette geben Aufschluss über die Herkunft der Ladenbesitzer. Und auch die nähere Betrachtung der Geschäfte zeigt, dass Produkte und Dienstleistungen oft einen spezifischen Länderbezug haben und damit häufig auch einen bestimmten Kundenstamm ansprechen. Ethnisches Unternehmertum funktioniert in erster Linie für die eigene community; Produkte/ Dienstleistungen aus der Heimat schaffen auch in der Ferne einen Bezug zur Herkunft und ermöglichen, Traditionen fortzuführen. Auch der sozial- kulturelle Stellenwert der ethnischen Unternehmen spielt eine große Rolle. Neben der rein wirtschaftlichen Funktion, sind viele Geschäfte auch Treffpunkt für die eigene community, wo sich ausgetauscht, die eigene Sprache gesprochen oder auch traditionelle Rituale durchgeführt werden können.

Idee Neuköllner Geschäfte möchte in Neukölln lebende KünstlerInnen und UnternehmerInnen mit Migrationshintergrund zusammenbringen und gemeinsame Themen, wie (neue) Heimat, Identität, Zugehörigkeit, Herkunft, Tradition, Kultur, Überlebenskunst anhand der unterschiedlichen Geschäftskonzepte aufgreifen. Welche Produkte oder Dienstleistungen werden angeboten? Ist das Unternehmen ein Familienbetrieb? Welche Rolle spielt das Geschäft für die eigene community? Welche Sprachen werden gesprochen? In dieser Auseinandersetzung ist es das Ziel zu entdecken, welche wirtschaftlichen und sozial- kulturellen Möglichkeiten ethnisches Unternehmertum- einschliesslich der Kunstproduktion- für den lokalen Standort beinhalten und diese Potentiale „in Szene zu setzen“.

Ziel Neuköllner Geschäfte unternimmt den Versuch, Kunst & Kunstproduktion in einen öffentlichen Kontext zu setzen. Die produzierte Wirklichkeit von Ausstellungsräumen, die sich von der Realität drastisch unterscheidet, wird hinterfragt. Das künstlerische Sichtbarmachen von Geschehnissen innerhalb der Verkaufsräume vermittelt einen anderer Realitätsbezug. Der Besucher der 5 Inszenierungen erfährt Inhalte & Geschichten in Verbindung mit Geschäftsräumen und Personen- in diesem Falle mit Unternehmern, Familienbande, Künstlern und Kunden.

Herzlichen Dank an Indre Klimaite & Möbel Partner, Dreiecke & Wäsche Hochfeld, Salom Beaury & Diva Style, Dovrat Meron & Jasmin Shop, Etienne Rey & Erdem Kilic Imbiss, Sergio Frutos, Galit Hinon, Maciej Kwiecinski, Anna Busdiecker, INTRANSITos, Arne Keunecke, dem Kulturamt Neukölln und der Aktion Karl- Marx- Straße.

Ein Projekt im Rahmen der [Aktion! Karl-Marx-Straße], bei der die Akteure des Neuköllner Bezirkszentrums gemeinsam die Zukunft der Karl-Marx-Straße gestalten. Gefördert vom Fachbereich Stadtplanung des Bezirksamtes Neukölln. Mehr Informationen unter www.aktion-kms.de

Copyright Neuköllner Geschäfte : Katharina Rohde

Fotos: Galit Hinon