Lokale Helden

Hintergrund/ Idee

Neukölln ist ein traditioneller Arbeiterbezirk mit ehemals vielen Industriearbeitsplätzen. Viele Westberliner Firmen hatten hier zu Westberliner Zeiten hoch subventionierte Produktionsstandorte mit großen Bedarf an Arbeitskräften. Nach dem Fall der Mauer fielen Subventionen und damit auch Produktion weg. Dieses bedeutete für viele den Verlust der Existenzgrundlage, insbesondere auch für Arbeitsmigranten. Heute leben in Neukölln Menschen aus über 160 Nationen. Immer mehr Unternehmen werden von Menschen mit Migrationshintergrund betrieben.

[slideshow id=5]Fotos von der Karl Marx Strasse

Eine besondere Rolle spielen hierbei türkische und arabische, zunehmend auch afrikanische, asiatische und Osteuropäische Unternehmen. Unternehmensgründungen finden in den meisten Fällen aus der Not heraus statt. Die Arbeitsmarktsituation ist für Migranten besonders schwierig, „unzureichende“ Sprachkenntnisse spielen eine große Rolle, ebenso die Anerkennung von Abschlüssen aus den Heimatländern. Die meisten Unternehmen werden mit Eigenkapital gegründet. In ihnen findet ein großer Teil der Neuköllner Wertschöpfung statt. Gleichzeitig sind viele Potenziale ethnischer Ökonomien, die das wirtschaftliche Gesicht Neuköllns weiter verbessern könnten oft nicht ersichtlich.

Das Projekt Lokale Helden hat sich zur Aufgabe gemacht, ethnische Ökonomien entlang der Karl- Marx- Straße auf ihre Besonderheiten zu untersuchen und ihre Potenziale sichtbar zu machen. Im Hinblick auf Ideen, die Neuköllner Karl- Marx- Straße zu sanieren und die ehemals traditionsreiche Einkaufsstraße wieder zu beleben, möchte das Projekt „Lokale Helden“ die vorhandene Multi- Ethnizität für die Entwicklung des Standortes voraussetzen und kulturelle Vielfalt als Chance aufzeigen.

Methodik

Um uns einen Überblick zu verschaffen, haben wir eine Bestandsaufnahme aller Geschäfte in Hinblick auf ethnisches Unternehmertum entlang der Karl- Marx- Straße zwischen Hermannplatz und Grenzallee vorgenommen. Die knapp 350 aufgenommenen Unternehmen werden zum größten Teil von Migranten betrieben, auch Angestellte und Kunden haben meist ethnischen Hintergrund.
Für möglichst detaillierte Ergebnisse, haben wir zwei Schwerpunktgebiete definiert:

  1. den Abschnitt zwischen Hermannplatz und der U- Bahn Station Rathaus Neukölln
  2. den Abschnitt zwischen U- Bahn Karl- Marx- Straße und U- Bahn Hermannstraße. Hier gibt es ein hohes Aufkommen von Einzelhändlern und Familienbetrieben mit ethnischem Hintergrund

Die Untersuchung internationaler Ketten haben wir nicht vorgesehen. Für die Recherche werden zwei Planungswerkzeuge zur Analyse genutzt: durch die „direkte Beobachtung“ führen wir im ersten Schritt eine Bestandsaufnahme „von außen“ durch. Hierbei werden Besonderheiten von Orten definiert, die sich bereits auf dem ersten Blick zwischen Globalen und Lokalem bewegen.

Im zweiten Schritt führen wir halbstrukturierte Interviews, die auf einem Gesprächsleitfaden von 5- 10 Fragen basieren. Sowohl in der direkten Beobachtung als auch in den Interviews ist es nicht unser Ziel offensichtliche Fakten zu kartieren, sondern nicht sofort ersichtliche Eigenschaften und Besonderheiten ethnischer Ökonomien darzustellen.

Fazit

Mit einem Untersuchungs- und Entwicklungszeitraum von drei Monaten muss darauf hingewiesen werden, dass die vorhandene Recherche und daraus erfolgten Erkenntnisse nur einen ersten Eindruck in eine komplexe Thematik und in ein weites Untersuchungsgebiet geben können. Nichts desto trotz sind einige spannende Ergebnisse erzielt worden, die es erlauben erste Schlussfolgerungen zu ziehen: ein wichtiger Fakt ist, dass die Karl- Marx- Straße als Model von Multi- Ethnizität dargestellt und dieses Potential als Voraussetzung für Standortentwicklung genutzt werden sollte. Während z.B. das Kreuzberger Gebiet um das Kottbusser Tor herum fast ausschließlich in türkischer Hand, die Neuköllner Sonnenallee hingegen arabisch ist, findet man auf der Karl- Marx- Straße Menschen aller Nationen.

Das Miteinander scheint hier gut zu funktionieren; die Unternehmer kennen sich und sehen die kulturelle Vielfalt positiv. Sie stellen sich aufeinander ein, passen ihr Sortiment den Bedürfnissen an und lernen neue Sprachen. Diese Offenheit ist eine besondere Eigenschaft der Karl- Marx- Straße, die unbedingt erhalten werden sollte.

Heldenportrait

Svetlana Dimitrova ist gebürtige Bulgarin. Seit sechs Jahren lebt sie in Berlin, vor einem Jahr eröffnete sie ihr Atelier für Braut- und Abendmoden in der Karl- Marx- Straße. Svetlana ist Modedesignerin und arbeitete bereits in ihrer Heimat in der Branche. Ihre Kleider entwirft und fertigt sie selbst; Kundinnen bringen ihre individuellen Wünsche mit ein. Durchschnittlich arbeitet Svetlana 14 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Eine Angestellte hat sie noch nicht. Das Geschäft läuft gut, sie hat bereits einen festen Kundenstamm, obwohl sie nie Werbung für ihren Laden gemacht hat. Ihr Geschäft funktioniert durch Mundpropaganda. Ihre Kundinnen leben hauptsächlich in Berlin und kommen aus der Türkei, Deutschland, Polen, Russland, den Balkanländern…

Ausser Bulgarisch spricht Svetlana Deutsch und Russisch fliessend und kann sich auch auf türkisch verständigen. Die vielen Brautmodeläden in der Umgebung betrachtet sie als Potenzial. Mit einigen der Unternehmerinnen von anderen Brautmodeläden hat sie gute Beziehungen, die in das private hineingehen. Mit ihren Kundinnen ist sie freundschaftlich, fast familiär verbunden. Obwohl es nicht zu privaten Verabredungen kommt und Svetlana hier die Grenze zwischen beruflichem und privatem beibehalten möchte, hat sie ein offenes Ohr für ihre Kundinnen, steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite und wird oft zu den Hochzeiten eingeladen.

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Definition der Eigenschaften:

1. Eigenschaften definiert durch direkte Beobachtungen/ Bestandsaufnahme

  • globales Erscheinungsbild: Schriftzüge & nationale Farben an Schaufenster & Fassade geben Aufschluss über Herkunft & sprechen gleichzeitig ein bestimmtes Publikum an.
  • globale Produkte/ Dienstleistungen aus Heimatländern; Lebensmittel vom Asia- Supermarkt, Bollywood Filme vom Inder oder spezielle Haarprodukte & Frisuren im Afroshop.
  • Gerüche von Produkten aus fernen Ländern
  • Frauenorte: Unternehmen, von Frauen geführt & von Frauen genutzt. Einige Läden haben Räume, die ausschliesslich für Frauen zugänglich sind.
  • Männerorte: Neben den typischen „Kulturvereinen“ begegnen sich Geschäftsmänner an den unterschiedlichsten Orten; in Wettbüros, in Banken, vor Supermärkten. Oft werden öffentliche Räume zu Verhandlungsorten.
  • erweiterter Verkaufsraum: viele Unternehmen erweitern ihren Verkaufsraum auf den Bürgersteig vor dem Geschäft. Diese oft Bazar- anmutende Atmosphäre erinnert an Herkunftsländer der Unternehmer.

2. Eigenschaften definiert durch halbstrukturierte Interviews

  • Vielsprachig: Multi- Nationale Besetzung, sowohl in der Geschäftsführung, als auch bei Angestellten & Kunden. Oft werden mehr als eine und häufig bis zu fünf Sprachen gesprochen.
  • Familienbetrieb: viele Geschäfte werden innerhalb der Familie und über mehrere Generationen betrieben. Oft gibt es mehr als ein Geschäft an verschiedenen Standorten, die in Familienhand sind. Neben Familienmitgliedern gibt es zum Teil zusätzlich Angestellte.
  • Netzwerk: Wirtschaftliche, freundschaftliche und nachbarschaftliche Beziehungen unter Unternehmern über die Karl- Marx- Straße hinaus.
  • Flexibel: Kaum homogene Geschäftskonzepte; die meisten Läden bieten mehrere Produkte &/ oder Dienstleistungen zum Verkauf an. Konzepte werden flexibel angepasst; ist das eine nicht erfolgreich, wird dieses sehr schnell dem Bedarf angeglichen oder ganz geändert.
  • Begegnungsort: Treffpunkt für unterschiedliche Ethnien. Sprache, Produkte/ Dienstleistungen verbinden Menschen mit der Heimat & schaffen sozialen Raum für kulturelle Besonderheiten & Rituale.

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